Wissenschaftlicher Erkenntnisstand in der Umweltmedizin
Definitionen der Erkrankungen
Die in der Öffentlichkeit als rätselhaft apostophierten chronischen Krankheiten sind in Wirklichkeit schon in den 80er Jahren genauestens definiert worden. Denn es existieren anerkannte Diagnosekriterien. Sie sind Ergebnis intensiver Forschung und auch Endpunkt der Fachdiskussion darüber. In der Regel sind sie auch trennscharf gegenüber ähnlichen Krankheiten. Diese Grundtatsache wurde verschlafen, denn die öffentliche Diskussion setzte erst später ein, die Wissenschaft war schneller.
Dass bei diesen komplexen Krankheiten stets auch in Sachen besseres Verständnis der Mechanismen, Vereinfachung der Diagnose, Verbesserung der Therapie Forschungsbedarf quasi permanent besteht ändert nichts an der Tatsache, dass die Krankheiten, die durch chronische Niedrigdosisbelastung mit den ubiquitären Umweltsubstanzen entstehen, zu 90% definiert sind.
Allerdings – das weiß keiner. So werden Gutachten an der Sache vorbei geschrieben und die Betroffenen bekommen ihr Recht nicht und sind in ihrer Menschenwürde verletzt. Anleitung zu diesem Komplex: Diagnosekriterien für TE, TPNP, MCS, CFS, FM und rechtliche Konsequenzen
Chronische und akute Krankheitsbilder:
Verständliche Schwierigkeiten bereitet ...
.... die Vielfalt unspezifische Symptome. Der Sachverständigenbeirat für Umweltfragen hat in seinem 1987er Gutachten ausgeführt, dass dies charakteristisch für chronische Vergiftungen ist. Das Spezifische an den Symptomen chronischer Vergiftung ist, dass sie durchweg unspezifisch sind. So sind etwa Anmerkungen in Gutachten, man könne eine Intoxikation nicht objektivieren, da die dazu notwendigen spezifischen Symptome fehlten, fachlich falsch und juristisch gezielte Desinformation.
Spezifisch sind Symptommuster. Aus diesen wurden die Diagnosekriterien abgeleitet.
.......die Tatsache, dass Umweltkrankheiten wie auch andere chronische Erkrankungen, individuelle Krankheitsbilder sind. Der Organismus bricht an seiner schwächsten Stelle. So werden etwa psychische und kognitive Schwächen verstärkt oder das Stoffwechselsystem erzeugt an seiner schwächsten Stelle Symptome. So findet man bei gleicher Intoxikation individuell unterschiedliche Ausprägungen. So finden sich bei vielen Patienten Veränderungen des Immunsystems, pathologische SPECT- oder PET-Bilder, es gibt aber keinen Parametersatz, der alle Patienten als überindividuelles Raster von Biomarkern erfassen könnte. Beispiel: 80% der MCS-Patienten haben Nahrungsmittelallergien - aber eben nicht alle. MCS ist also oft teilweise eine Immunerkrankung und kann und muss von dieser Seite her therapiert werden.
Die wichtigsten Umweltkrankheiten
Diagnosekriterien nach WHO 1985 wurden 2005 in das korrigierte Merkblatt $$ aufgenommen. Die wichtigsten Studien werden in den Empfehlungen des Sachverständigenbeirats beim Arbeitsministerium zur Einrichtung einer neuen Berufskrankheit mit der BK-Nr. 1317 präsentiert. Die BK 1317 trat 1997 in Kraft. Das Merkblatt aus dem Jahr 1997 enthielt aber gezielte Falschdarstellungen der Erkrankung, so dass die Ärzte zur Fehldiagnose angeleitet wurden. Es konnte durchgesetzt werden, dass der Sachverständigenbeirat ein korrigiertes Merkblatt herausgibt$$.
Die Diagnose ist trennscharf gegenüber anderen Enzephalopathien. Sie lässt deshalb Rückschlüsse auf Neurotoxika, insbesondere auf VOC zu.
Diagnose unterscheidet sich nicht von PNP anderer Ursache.
Diabetische PNP
Alkoholintoxikation
Chemische Intoxikation
Allergien
andere Stoffwechseldysfunktionen
Dies ist allgemeines Lehrbuchwissen und müsste an dieser Stelle und in dieser Website nicht erwähnt werden, wenn es nicht vorkäme, dass Gutachter vor Gericht es fertig bringen, die Diagnose PNP überhaupt zu bestreiten, mit der Begründung, der Patient habe keine Diabetes. Derartiger Unfug ist leider oft Grundlage von Gerichtsurteilen in Anerkennungsverfahren. Es soll hier dafür plädiert werden, dass derartige Aussagen nicht nur als inkompetent, sondern als Prozessbetrug attackiert werden sollten. Dabei ist darauf zu achten, dass dem Gericht der Weg verbaut werden muss, den Gutachter in Schutz zu nehmen.$$
TPNP ist entweder Ausschlussdiagnose oder Diagnose in Verbindung mit der Diagnose TE.
Insbesondere beim SBS herrscht die Meinung vor, es handele sich um keine definierte Krankheit. Nichts könnte falscher sein. SBS wurde noch vor TE von der WHO definiert (1982). Vergleicht man die Diagnosekriterien, so erkennt man, dass SBS voll inhaltlich TE umfasst, ergänzt um die immunologischen Reaktionen der Substanzen (in aller Regel sind Neurotoxika auch immunschädigend, insbesondere die VOC).
Mag bei SBS die Bezeichnung unglücklich sein, die medizinische Definition ist es nicht. Auch SBS lässt sich trennscharf diagnostizieren und auch für SBS gilt, dass Rückschlüsse auf bestimmte chemische Expositionen erlaubt sind. Diese Rückschlüsse sind zwingend. Soweit die Diagnose gesichert ist, muss auch dann von einer Intoxikation ausgegangen werden, wenn keine Schadstoffnachweise vorliegen. Das ist so eindeutig wie eine Schnittverletzung, deren Existenz man auch vernünftigerweise nicht in Frage stellen wird, wenn das Messer nicht gefunden werden kann.
Als Konsenskriterien gelten weltweit die Cullenkriterien (s. Download). Für die gutachterliche Begründung der Diagnose MCS haben sie sich auch in Deutschland durchgesetzt. Soweit ein Gutachten damit begründet wird, ist zumindest die Diagnose nicht erschütterbar.
Auf die Frage, was denn Chemische Sensitivität sei, antwortete Prof. Ross, ehemals EHC Dallas, „Chemical sensitivity is sensitivity to chemicals“. Es ist in der Tat so einfach. Eine Definition der EPA lautet: „Reaktionen auf Chemikalien, die vorher vertragen wurden“. Eine ähnliche Definition aus der amerikanischen Arbeitsmedizin lautet: „Reaktionen auf Chemikalien, die durch die Allgemeinbevölkerung vertragen werden.“ Schließlich sind auch die Formulierungen der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe (MAK-Kommission), die der Liste der sensibilisierenden Arbeitsstoffe vorangesetzt sind, nicht weit von obiger MCS-Definition entfernt.
"Bis heute lassen sich weder für die Induktion einer Allergie (Sensibilisierung) noch für die Auslösung einer allergischen Reaktion beim Sensibilisieren allgemein gültige, wissenschaftlich begründbare Grenzwerte angeben. ... Für die Auslösung .... sind niedrigere Konzentrationen ausreichend als für die Induktion. Auch bei Einhaltung der MAK-Werte sind Induktion oder Auslösung nicht sicher zu vermeiden" (MAK-Liste 2005, S. 153)
Auch die Deutsche Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin (DGAUM) anerkennt MCS als schwere organische Erkrankung, lehnt aber sonst alle bekannten physiologischen Parameter als noch nicht ausreichend erforscht ab.
Zweifellos ist MCS eine hochkomplexe Störung der Steuerungsmechanismen des Organismus und eine noch komplexere Aufgabe für den Therapeuten (im Band IV von Chemical Sensitivity von William Rea kann man Strategien dazu lernen), die Diagnose zu stellen aber ist einfach
An dieser Stelle darf aber der Hinweis nicht fehlen, dass von einer Diskussion, die den wissenschaftlichen Diskurs zur Kenntnis nimmt, in Europa nicht die Rede sein kann. Im Kongressband der offiziellen Diskussion zu MCS etwa (Mitchel 1994, erster Kongress des National Research Council - 1987) - wird ein Diskussionsniveau präsentiert, dass in Europa auch 19 Jahre später nicht erreicht wurde - ja es ist zu vermerken, dass sich die Diskussion eher davon entfernt. Da dieses Niveau niemanden interessiert, ist es leicht die Ansicht durchzusetzen, es gäbe zu den hier gelisteten Krankheiten noch keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Dann ist es möglich, dass einer in der deutschen MCS-Forschung führend wird, der schriftlich erklärt, die 3 000 "Chemical Sensitivity" zu lesen sei ihm zu viel, da es eh' nichts wissenschaftlich wertvolles enthalte.
Chemische Sensitivität ist nichts Neues
Die Mehrheit auf beiden Seiten der Debatte geht davon aus, dass diese Krankheitsbilder neu seien – so glauben viele, MCS sei von Cullen Ende der 80er Jahre entdeckt worden. Chemische Sensitivität wurde von dem Allergologen Theron Randolph 1948 zum ersten Mal festgestellt, 1956 erstmals veröffentlicht. Eine vertiefte Beschreibung dieses Phänomens stammt aus 1962. 1966 wurde von Eloise Kailin eine erste Doppelblindstudie durchgeführt. Mittels Elektromyographie wurde nachgewiesen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die auf unterdurchschnittliche Dosen pathologisch reagieren.
Auch die Diagnosekriterien für CFS sind trennscharf und sie sind mit Immunreaktionen verknüpft.
CFS kann viele Ursachen haben: Diverse systemische Entzündungen, Allergien, langwierige Infektionskrankheiten, Candida albans, chemische Intoxikationen, Stress (der wesentliche Unterschied zum burn-out-Syndrom ist die Chronifizierung).
Einige grundlegende zelluläre Mechanismen sind gut erforscht. Immer sind die Mitochondrien in Mitleidenschaft gezogen. Mitochondrien sind durch eine Doppelmembran abgetrennte Bereiche in der Zelle, die Kohlehydrate und Fettsäuren zu biochemisch verwertbarer Energie umformen. Sie sind die Energielieferanten der Zelle. CFS ist eine chronische Unterversorgung der Zellen mit Energie. Damit geht in der Regel eine Verarmung des Organismus mit biochemisch verfügbaren Schwefel einher. Letzteres bietet therapeutische Ansätze.
Die Ansicht, CFS sei eine völlig unerforschte, rätselhafte Erkrankung, wie auch von Selbsthilfeorganisationen zu ihrem eigenen Schaden vertreten wird, entbehrt jeglicher Grundlage. Es ist eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit, wie es zu verstehen ist, dass sich einige wenige Gutachter$$ mit derartigen gezielten Desinformationen immer wieder durchsetzen können.
Fibromyalgie (FM) ist neurologisch eindeutig definiert (schmerzhafte Reaktionen auf bestimmten Druckpunkten).
Die Nicht-Anerkennung der Betroffenen erfolgt gewissermaßen im Nachgang der Diagnose. Man akzeptiert zwar die Diagnose, aber nicht die Tatsache, dass es sich um eine gravierende organische Erkrankung oder gar eine Behinderung im sozialmedizinischen Sinne handelt.
Nach Remmers ist FM eine schmerzhafte Variante einer Polyneuropathie. Es sollte also eine intensive Diagnostik in bezug auf PNP erfolgen. Auf dieser Basis lässt sich dann der Schweregrad präziser bestimmen und ein Grad der Behinderung ableiten.
Aus Sicht der Toxikologie sei noch angefügt, dass sich in epidemiologischen Studien sehr wohl Nachweise finden lassen, dass etwa durch Neurotoxika auch Muskeldysfunktionen und schmerzhafte Muskelerkrankungen ausgelöst werden können. Dies lässt sich leicht so verstehen, dass es Personen gibt, deren individueller Schwachpunkt eben an diesen Stellen des Nervensystems zu suchen ist.
Chemikalien sind bis auf wenige Ausnahmen zellschädigende Stoffe. Betroffen sind besonders diejenigen Zellen, die mit der Abwehr befasst sind. Die oben angeführten Erkrankungen weisen immer wieder auf das Immunsystem hin.
Systemische Entzündungen sind nicht durch ihr klinisches Bild diagnostizierbar. Die Krankheitsbilder beinhalten oft gegenteilige Körperreaktionen: so kommen sowohl Hyper- als auch Hypothermie, Hyper- als auch Hypotonie etc. vor. Die Immunologie weiß vielen Immunparametern eine entzündungsfördernde oder entzündungshemmende Aktivität zuzuordnen. Daraus lassen sich chronische entzündliche Prozesse sowie auch chronische Entzündungsbereitschaft diagnostisch erkennen.
Auf diesem Wege lässt sich demnach auch schulmedizinisch präzise eine Sensibilisierung objektivieren.
Für Anerkennungsverfahren sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, dass man auf der Basis präziser immunologischer Diagnostik auch auf die Diskussion etwa über MCS oder CFS verzichten kann. Ob man eine solche Strategie oder eine Doppelstrategie wählt, ist jeweils aus der Aktenlage zu entscheiden.
Downloads zur vertiefenden Lektüre:
Zum Stand der Wissenschaft in der Umweltmedizin
umwelt-medizin-gesellschaft 14 1/2001
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